Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Magdalena Arnoldt, geb. Hübler (gest. 1602)

01.11.2015

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Johanna Pöppelwiehe

Das sie gleichwol vielen Leuten Arm und Reich gedienet – Eine Witwe als Wohltäterin

http://digital.slub-dresden.de/id401078841/174> [CC BY-NC-ND 3.0 DE]">Zum Vergrößern hier klickenArmenhaus Chemnitz

Das Armenhaus in Chemnitz [1/3]

Stiftungen nahmen in den frühneuzeitlichen Kommunen wichtige kulturelle und karitative Funktionen wahr, die von den zeitgenössischen Obrigkeiten nicht im heute üblichen Umfang geleistet werden konnten.[1] Beim Stiftungswesen handelte es sich um ein "vielgestaltiges soziales Phänomen",[2] in dessen Rahmen Stifter - zumeist wohlhabende Privatpersonen - ein Kapitalvermögen in festgelegter Höhe für einen öffentlichen Zweck bereitstellten.[3] Das Stiftungskapital wurde zu einem bestimmten Zinssatz angelegt und blieb unangetastet, während der Zinsertrag zur vom Stifter verfügten Funktion verwendet wurde. Befragt man die Quellen - für gewöhnlich Testamente und Stiftungsurkunden - nach dem Stiftungsmotiv, wird in der Regel ausgeführt, dass die Stiftung dem Lob und der Ehre Gottes dienen solle.[4] Den Stiftern brachte ihr wohltätiges Engagement zum einen gesellschaftliche Anerkennung.[5] Gleichzeitig waren Stiftungen Instrumente zur Sicherung der Memoria. So war der Stifter durch sein gutes Werk in der Gesellschaft über den Tod hinaus ständig präsent.

Wohlhabende Frauen und Witwen traten dabei nicht selten bereits zu Lebzeiten als Stifterinnen in Erscheinung - insbesondere wenn die Frauen keine überlebenden Kinder und damit keine Erben hinterließen. Den Frauen bot sich auf diese Weise die Möglichkeit aus dem Schatten ihres verstorbenen Ehemanns herauszutreten und sich als wohltätiges und damit nützliches Mitglied innerhalb der Gesellschaft zu positionieren.[6] Als prominentestes Beispiel aus dieser Gruppe kann sicherlich Elisabeth Krauß aus Nürnberg genannt werden, aus deren Vermögen zahlreiche wohltätige Stiftungen errichtet wurden, die teilweise bis heute Bestand haben.[7] Da sich die Stiftungstätigkeit einer Person aufgrund ihrer Bedeutung für die Memoria der Verstorbenen oftmals auch in ihrer Leichenpredigt niederschlug, kann auch eine Analyse derartiger Texte einen Beitrag zur Erforschung dieser wichtigen gesellschaftlichen Institutionen der Frühen Neuzeit leisten.

Ein Beispiel hierfür bietet die Leichenpredigt auf die Witwe Magdalena Arnoldt, die 1602 in Zeitz verstarb. Während Magdalena Arnoldts Geburtsjahr in ihrer Leichenpredigt ungenannt bleibt, wird deutlich, dass sie in eine wohlhabende Familie hineingeboren wurde. So war ihr Vater Martin Hübler der Bürgermeister ihres Geburtsorts Chemnitz. Über ihre Kindheit und eine eventuelle schulische Ausbildung erfährt man aus der Leichenpredigt - wie häufig bei weiblichen Verstorbenen - nicht viel. Einzig ihre christliche Erziehung zu Gottesfurcht, Zucht und Keuschheit wird erwähnt, die auch bis in jhr alter jhr vornehmer Schmuck gewesen/ darin sie sich für und für bespiegelt hat.[8] Nach dem Tod des Vaters heiratete sie im Alter von 16 Jahren den Regierungskanzler Georg Arnoldt und lebte mit ihm in Zeitz. Die Ehe hatte bis zum Tod Georg Arnoldts 26 Jahre lang Bestand, Kinder gingen aus dieser Verbindung wohl nicht hervor. Magdalena Arnoldt verbrachte die restlichen 14 Jahre ihre Lebens im Witwenstand. Auf eine nochmalige Heirat zur Sicherung ihrer Versorgung war sie offenbar nicht angewiesen, da sie ihren Lebensunterhalt aus ihrem Vermögen bestreiten konnte, welche[s] sie von jren lieben Eltern und von ihrem lieben Herrn/ allen seliger Gedechtnis ererbet/ und/ [...] dasselbige Gott zu lob und danck zu jhres Lebens unterhalt angewendet und gebrauchet. Magdalena Arnoldt versorgte mit ihrem Erbe allerdings nicht allein sich selbst. Aus den Personalia geht hervor, dass sie sich bereits zu Lebzeiten für Bedürftige einsetzte. Es wird beschrieben, das sie wöchentlich armen Leuten vor jrer Thür eine ausspendung hat halten lassen/ und järlich im Hospital bey armen Leuten jhren Geburtstag gelöset hat. Auch die Beweggründe, welche Magdalena Arnoldt zu ihrer Stiftungstätigkeit veranlassten, werden in den Personalia angeschnitten. Vom Verfasser wird eine theologische Motivation angeführt - so habe unser HERR Christus befohlen/ die übrigen Bröcklein zusamlen, was Magdalena Arnoldt in dem Bewusstsein getan habe, das sie jr gut nit mit sich nehmen würde.

Um das Engagement Magdalena Arnoldts zu untermauern, verweist der Verfasser der Leichenpredigt, Jacob Zader, auf die beygelegten gedenck Zettel sowie das Testament der Verstorbenen, das der Leichenpredigt in Auszügen beigefügt ist. Aus diesem geht hervor, dass Magdalena Arnoldt ihr Vermögen auch über den Tod hinaus wohltätigen Zwecken zukommen lassen wollte. Das Schriftstück listet auf, wie viel Geld aus dem Nachlass der Verstorbenen angelegt werden sollte, wie hoch der Zins ausfiel und welchen Personengruppen und Institutionen der Ertrag zugute kommen sollte. Anhand des Testamentsauszugs lässt sich auf diese Weise nachvollziehen, dass Magdalena Arnoldt ihre Nachlassverwalter anwies, mindestens 3.700 Gulden ihres Vermögens zur Errichtung verschiedener wohltätiger Stiftungen zu nutzen. Der vorgesehene Zinssatz betrug - für diese Zeit übliche - 5 Prozent, sodass jährlich 185 Gulden ausgeschüttet und an mehrere Empfänger vergeben wurden. Magdalena Arnoldt begünstigte Personen und Einrichtungen unterschiedlicher Art, was in dieser Zeit durchaus nicht unüblich war.[9] So wurden mit einem Teil des Ertrags Studenten und Schüler gefördert. Während zwei bedürftige Studenten pro Kopf jährlich 30 Gulden erhielten, waren weitere 10 Gulden zur erkeuffung zweyer Tücher bestimmt, welche in Chemnitz an arme Schüler ausgegeben werden sollten. Daneben sollten einer armen Jungfrawen pro Jahr 40 Gulden zu ijrer ausstattung sowie Angehörigen der Familie Hübler - so lange hiervon jemands verhanden - 50 Gulden zugutekommen. Der Rest des Zinsertrags, insgesamt 25 Gulden, war zur Unterstützung mehrerer Hospitäler und Armenhäuser in Chemnitz und Zeitz vorgesehen.

Interessanterweise handelte es sich bei den Begünstigten hauptsächlich um Institutionen bzw. Einzelpersonen in ihrer Heimatstadt Chemnitz, was auf eine enge Bindung der Verstorbenen an ihre Heimatstadt schließen lässt. Ein Umzug Magdalena Arnoldts nach Chemnitz im Anschluss an den Tod ihres Manns wird in den Personalia nicht erwähnt und auch die Leichenpredigt wurde in Zeitz verfasst. Obwohl sie dementsprechend den Großteil ihres Lebens sehr wahrscheinlich in Zeitz verbrachte, wird dem dortigen Hospital nur eine vergleichweise niedrige Unterstützung von jährlich 10 Gulden zuteil. Dass diese Summe jedes Jahr am Tag ihres Tauffnamens/ [...] den Tag Magdalenae unter den Armen im Hospital verteilt werden sollte, macht den Memorialcharakter der Stiftung deutlich - die Auszahlung am Namenstag dient dazu, die Erinnerung an die Stifterin aufrecht zu erhalten, wodurch sie der Nachwelt auch nach ihrem Tod gegenwärtig bleiben sollte.[10] Dies war umso wichtiger, da Magdalena Arnoldt offenbar ohne direkte Nachkommen verstarb, die diese Aufgabe hätten wahrnehmen können.

Die Leichenpredigt auf Magdalena Arnoldt zeigt, dass die Memorialschriften als reichhaltige Quellen für die Erforschung der frühneuzeitlichen Stiftungen dienen können. So bieten sie die Möglichkeit Stiftungsmotive und Stiftungsumfang im Kontext von Lebensweg- und umständen zu betrachten. Dabei geben sie nicht nur Aufschluss über die Stiftungstätigkeit von Verstorbenen, sondern machen - wie im Fall Magdalena Arnoldts durch die Beigabe ihres Testaments - auch deutlich, welche Bedeutung den Stiftungen für die Memoria der Stiftenden zugemessen wurde.

 

JOHANNA PÖPPELWIEHE M.A. ist Wissenschaftliche Hilfskraft der Forschungsstelle für Personalschriften und hat an der Philipps-Universität Marburg ein Master-Studium im Fach Geschichte mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit absolviert.

 

Bestand: Schlossmuseum Sondershausen
Signatur: AL 27
Enthalten in: Katalog der Sammlung Leichenpredigten im Schlossmuseum Sondershausen (Marburger Personalschriften-Forschungen 53), Stuttgart 2012

 

Anmerkungen:

[1] Bernhard Ebneth, Art. "Stiftungswesen", in: Stadtlexikon Nürnberg, hg. von Michael Diefenbacher und Rudolf Endres, erweiterte, revidierte und aktualisierte Version, 2. Aufl., Nürnberg 2000, S. 1046f.

[2] Dieter Hein, Art. "Stiftung (Europa)", in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 12, hg. von Friedrich Jaeger, Stuttgart 2010, Sp. 1002-1008, Zitat von Sp. 1002.

[3] Ebd., Sp. 1002.

[4] Gury Schneider-Ludorff, Protestantisches Stiften nach der Reformation, in: Udo Hahn u.a. (Hg.), Geben und Gestalten. Brauchen wir eine neue Kultur der Gabe?, Berlin 2008, S. 79-89, hier: S. 88.

[5] Vgl. etwa Stephanie Irrgang, Studienförderung und Stipendienwesen an deutschen Universitäten im Mittelalter, in: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 15 (2012), S. 19-36, hier: S. 24. Zwar bezieht sich die Autorin in ihrem Artikel auf die mittelalterlichen Stiftungen, diese Feststellung gilt aber gleichermaßen für die Frühe Neuzeit.

[6] Britta-Juliane Kruse, Witwen. Kulturgeschichte eines Standes in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Berlin 2007, S. 431; zu Witwen als Stifterinnen insbesondere S. 407-478.

[7] Zu Elisabeth Krauß siehe ebd., S. 432-435.

[8] Jacob Zader, Seelen Schatz/ So nach diesem zeitlichen Elend alle Gleubigen ewig besitzen werden [...], Wittenberg [1602] (VD17 1:021169F), Digitalisat des Exemplars der Staatsbibliothek Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Sign.: 21 in: Ee 500, PURL (Werk): http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB000076E900000000 (Zugriff: 18.08.2015). Alle folgenden wörtlichen Zitate sind, soweit nicht anders angegeben, dieser Leichenpredigt entnommen.

[9] Schneider-Ludorff, Stiften (wie Anm. 4), S. 87.

[10] Ebd.

 

Zitierweise: Johanna Pöppelwiehe, Magdalena Arnoldt, geb. Hübler (gest. 1602). Das sie gleichwol vielen Leuten Arm und Reich gedienet – Eine Witwe als Wohltäterin, in: Leben in Leichenpredigten 11/2015, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/magdalena-arnoldt-geb-huebler-gest-1602.html>

http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB000076E900000010> [CC BY-NC-ND 3.0 DE]; Digitalisat Bl. D2r (PURL Seite): Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB000076E900000011> [CC BY-NC-ND 3.0 DE]">Artikelansichthttp://diglib.hab.de/wdb.php?dir=portrait/a-24669> [CC BY-SA]">Artikelansicht

Artikel nach...

...Monaten