Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

August Buchner (1591-1661)

01.10.2011

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Werner Hupe

Agite igitur, agite, CIVES ACADEMICI – Beobachtungen zum Programma academicum

Porträt August Buchner (1591-1661) [1/6]

Der aus einem Substantiv und einem Adjektiv bestehende Begriff (im Plural Programmata academica [P.A.]) hat seine Wurzeln in der altgriechischen Sprache und fand Eingang in die allenthalben nicht nur von Gelehrten, Geistlichen und Poeten bevorzugt gebrauchte mittellateinische Sprache (das von breiteren Volksschichten ebenso gern gesprochene „Kauderwelsch“ nannte man Küchenlatein). Es handelte sich zunächst um allgemeine öffentliche Bekanntmachungen, Anschläge am „schwarzen Brett“ im Bereich einer Universität oder eines Gymnasium illustre, die von der Leitung der Bildungsstätte, in der Regel von den Rektoren oder deren Stellvertretern, der akademischen oder vorakademischen Öffentlichkeit mitgeteilt wurden und oft besondere Ereignisse ankündigten, beispielsweise Disputationen anlässlich von Magister-, Lizentiats- und Doktorpromotionen, und dazu einluden, als Zuhörer daran teilzunehmen.

Im Genre des Funeralschrifttums, das heißt die Summe der gedruckten Gedächtnistexte auf einen Verstorbenen der Frühen Neuzeit, gehörten die P.A. zu den weniger spektakulären Teilen, zumal nur einer begrenzten Gruppe von Verstorbenen die Ehre eines P.A. zuteil wurde. Zu ihnen zählten Professoren und andere Angehörige einer Universität (cives academici), mitunter auch deren verstorbene Ehefrauen und Kinder, über die Landesgrenzen hinaus auch verdienstvolle Wissenschaftler des außeruniversitären Bereiches, Landesherren und deren Minister, Adlige, die sich um die Akademie (Synonym für Universität) Verdienste erworben hatten, verstorbene Personen der Stadtobrigkeit, des protestantischen Klerus der Universitätsstadt und Studierende. Bedacht wurden ebenfalls Schulrektoren und verdiente Pädagogen der Stadt, in Leipzig auch Mitglieder des Patriziats, z.B. Großkaufleute und wohlhabende Kunsthandwerker (Goldschmiede, Drucker etc.).

Die formale Gestaltung des P.A. durch den Drucker muss man eher als bescheiden bezeichnen. An künstlerischen Beigaben sind in der Regel bestenfalls Kopf- und Schlussvignetten sowie ein Initiale, jeweils als Holzschnitte gefertigt, vorhanden. Der Satzspiegel variiert zwischen Antiqua und Kursivschrift, wobei letztere vor allem für optische Hervorhebungen und Zitate eingesetzt wurde. Die Schlichtheit der Form hat ihren Grund darin, dass bei einem Todesfall das für die Information der Öffentlichkeit bestimmte P.A. als erstes vor der noch ausstehenden Leichenpredigt, der Abdankung, der akademischen Trauerrede, der Epicedien- und Epitaphiensammlung gedruckt werden musste. Eile war geboten, weil in den meisten Fällen nur wenige Tage zwischen dem Tod und der Beisetzung verblieben, zu welcher der Verfasser der Bekanntmachung zur Teilnahme aufforderte. Wurde das P.A. beim Druck der Leichenpredigt und anderer dazugehöriger Trauerschriften für die Ausgabe neu gesetzt, dann behielt der Setzer, auch wenn in einer anderen als der ursprünglichen Werkstatt das Druckwerk vorbereitet wurde, den schlichten Satzspiegel bei. In Ausnahmefällen wurde das P.A. in metrischer Form verfasst und demnach auch gesetzt.

Der Aufbau eines P.A. wurde weitgehend einheitlich gestaltet: Am Kopf des Druckwerkes erscheint, meist in größeren Lettern als der folgende Text gesetzt, der höchste Repräsentant der Universität, nämlich der Rektor, oder bei dessen Verhinderung der Stellvertreter mit seinen bedeutendsten Titeln. In unserem Beispiel heißt das in deutscher Übersetzung: Der Rektor der Akademie zu Wittenberg, Andreas Kunad, Doktor der hochheiligen Theologie und öffentlicher Professor derselben, Beisitzer des kirchlichen Konsistoriums und Aufseher der kurfürstlichen Alumnen (wendet sich) an die akademischen Bürger, dann folgt die Grußformel S(alutem) P(lurimam) D(icit) (dt.: wünscht alles Gute). Der einleitende Text würdigt in barocker Rhetorik die Verdienste des verstorbenen Augustus Buchnerus, der als Senior der Akademie, öffentlicher Professor der Eloquenz (Beredsamkeit) und Poesie, Ephorus (Aufseher) der kurfürstlichen Alumnen an der Universität zu Wittenberg gewirkt hatte.[1] Hernach folgt der Hauptteil des P.A., nämlich der Lebenslauf mit detaillierten Nachrichten. An dieser Stelle sei lediglich das Wichtigste genannt: August Buchner wurde am 2. November 1591 in Dresden als Sohn von Paulus Buchner und Maria, geb. Kröse, geboren. Nebenbei erfährt der Leser von der Nobilitation des Vaters und seiner Nachkommen durch Kaiser Karl V. Nach dem Besuch der Fürstenschule zu Pforta bezog Buchner die Universität Wittenberg, wo er 1616 zum Magister der Philosophie promovierte, im selben Jahr die vakante Professur für Poesie übernahm und die 45 Jahre währende Ehe mit Elisabeth Krause aus Dresden einging; aus dieser Verbindung stammten elf Kinder, von denen sieben vor dem Vater verstarben. Neben den universitären Würden und Ämtern – Buchner wurde dreimal als Rektor an die Spitze seiner Universität gewählt und stand deren philosophischer Fakultät achtmal (!) als Dekan vor – erfüllte er ebenso politische Missionen auf Landtagen und anderen Angelegenheiten im Auftrag seines Landesherrn, des Kurfürsten von Sachsen. Entsprechend dem Ideal eines Gelehrten verfasste Buchner Schriften, die er zu Lebzeiten selbst hatte drucken lassen, und solche, die als hinterlassene Manuskripte auf die Veröffentlichung harrten

Wie im Lebenslauf der Leichenpredigt wird im P.A. der letzten Lebensphase des Verstorbenen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Demnach zog sich Buchner Ende Dezember 1660 eine Krankheit zu, die von zweien seiner Professorenkollegen aus der medizinischen Fakultät behandelt wurde, freilich ohne bleibenden Erfolg. Nach einem christlich geführten Leben verstarb August Buchner am 12. Februar 1661 im Kreis der Seinen in seinem Haus. Zuvor hatte er die Beichte abgelegt, ihm war die Absolution gewährt worden und der Moribund hatte das Abendmahl empfangen. Mit dem dringlichen Appell Agite igitur, agite, CIVES ACADEMICI (dt.: bewegt euch, Angehörige der Universität, bewegt euch!) fordert das P.A. zur zahlreichen Teilnahme an den Gedenkfeiern auf und weist auf die Orte der Totenehrung hin: Aus dem Sterbehaus soll die Leiche feierlich in die Marienkirche überführt und niedergesetzt werden, dort wird die Leichenpredigt gehalten, anschließend wird der Verstorbene zur Schlosskirche begleitet und darin bestattet. Das P.A. schließt mit der Datierung P(ublicatum) P(ublice) a.d. XIX.Februarii, Anno recuperatae gratiae MDCLXI (dt.: öffentlich bekannt gemacht am 19. Februar, im Jahr der wiedererlangten Gnade 1661).

Dem P.A. folgt in der Reihenfolge der gedruckten Gedächtnistexte die akademische Trauerrede, bei der es sich nicht um einen pastoralen Zuspruch, sondern um einen säkularen Text handelt, der sich in lateinischer Sprache an die akademischen Zuhörer, Kollegen des Verstorbenen und Studenten wendet und meistens von einem Professor vorgetragen wurde. Im Druck erscheint im Fall Buchners wie auch in den meisten anderen Fällen von akademischen Trauerschriften die Kursivschrift, während die Anrede in Großbuchstaben der Antiqua gedruckt ist: DICTIO AD EXEQUIATORES (dt.: Rede an die Leichenbegleiter). Erster Adressat unter den Zuhörern ist der „Rector Magnificus“ der Universität Wittenberg. Der Inhalt der Rede wird nicht dominiert vom Lebenslauf des Geehrten, sondern von seinen Verdiensten um die Universität, seinen wissenschaftlichen Meriten sowie den Diensten, die er für den Territorialstaat oder auch für fremde Mächte geleistet hatte.

 

Lic. Theol. WERNER HUPE ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Universitätsbibliothek Leipzig
Signatur: Vit.N.238
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Leipzig (Marburger Personalschriften-Forschungen 50), Bd. 1, Stuttgart 2010

 

Anmerkungen:

[1] Ausführlich zur Biographie Buchners siehe: Hermann Palm, "Buchner, August", in: Allgemeine Deutsche Biographie 3 (1876), S. 485-487 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118913859.html?anchor=adb (Zugriff: 02.09.2011); und Hans Heinrich Borcherdt, "Buchner, Augustus", in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 703f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118913859.html (Zugriff: 02.09.2011).

 

Zitierweise: Werner Hupe, August Buchner (1591-1661). Agite igitur, agite, CIVES ACADEMICI – Beobachtungen zum Programma academicum, in: Leben in Leichenpredigten 10/2011, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/august-buchner-1591-1661.html>

Dateien:
Programma academicum August Buchner (1591-1661), UB Leipzig, Vit.N.238(546 K)

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