Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Amalia von Stubenberg, geb. von Liechtenstein (1593-1664)

01.07.2009

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Jörg Witzel

Adlige Glaubensflüchtlinge aus Österreich im Nürnberger Exil

Titelkupfer der Leichenpredigt auf Amalia von Stubenberg, geb. von Liechtenstein [1/3]

Das Thema Konfessionsmigration hat in den letzten Jahren wieder verstärkt das Interesse der historischen Forschung geweckt, wie beispielsweise eine Tagung des Instituts für Europäische Geschichte in Mainz im Februar 2009, Religion und Mobilität. Wechselwirkungen und Interdependenzen zwischen raumbezogener Mobilität und religiöser Identitätsbildung im frühneuzeitlichen Europa, und ein im vergangenen Jahr erschienener Tagungsband über das religiöse Leben von Glaubensflüchtlingen in der Frühen Neuzeit[1] zeigen. Dass auch Leichenpredigten zur Erforschung dieses Themas wichtige Beiträge zu liefern vermögen, verdeutlicht ein Sammelband in der Historischen Bibliothek Rudolstadt mit sieben Leichenpredigten auf österreichische Adlige protestantischen Glaubens, die im Exil starben und beerdigt wurden. Diese und zahlreiche weitere Leichenpredigten hat Werner Wilhelm Schnabel für seine umfangreiche Arbeit über österreichische Glaubensflüchtlinge in oberdeutschen Reichsstädten mit großem Nutzen herangezogen.[2] Sechs der Exulanten, deren Leichenpredigten im oben genannten Sammelband enthalten sind, beschlossen ihr Leben in Nürnberg. Bis auf einen neunjährigen Knaben handelt es sich um Frauen.

Der protestantische Adel im Lande ob der Enns (Oberösterreich) und in Innerösterreich (v.a. Steiermark und Kärnten) war 1627/28 durch kaiserliche Mandate vor die Wahl gestellt worden, entweder zum Katholizismus zu konvertieren oder ins Exil zu gehen.[3] Viele der ausgewiesenen Adligen zogen zunächst in die großen Reichsstädte Oberdeutschlands. Die Lebensumstände der Exulanten hingen davon ab, in welchem Umfang sie Vermögen aus ihrer alten Heimat ins Exil transferieren konnten. Armut und Not konnten adlige und bürgerliche Auswanderer gleichermaßen treffen.

Amalia von Stubenberg, deren Leichenpredigt hier stellvertretend für den oben genannten Sammelband vorgestellt werden soll, kam als Tochter Konrads von Liechtenstein-Murau, Oberster Erbkämmerer des Herzogtums Steiermark und Erblandmarschall in Kärnten, in Klagenfurt zur Welt. Zum ersten Mal musste sie 1604 mit ihrer Mutter, die nach dem frühen Tod ihres Gatten ein zweites Mal geheiratet hatte, ins Exil nach Pfalz-Neuburg ziehen. Im Alter von 18 Jahren wurde sie von einer verheirateten Base in Obhut genommen. Dieses Hospitieren im Haushalt von Verwandten vor der eigenen Heirat war ein fester Bestandteil der Erziehung weiblicher Adliger, wie auch zahlreiche andere Leichenpredigten bezeugen. Nach vier Jahren stieß Amalia von Stubenberg wieder zu ihrer Mutter, die inzwischen vor der in Pfalz-Neuburg drohenden Gegenreformation nach Kärnten zurückgekehrt war. 1619 heiratete Amalia Georg von Stubenberg, der die Ämter eines Obersten Erbschenken in der Steiermark sowie eines kaiserlichen Rates und Ältesten Kämmerers innehatte. Mit ihrem Ehemann musste sie 1629 die Steiermark verlassen. Sie zogen zunächst nach Regensburg. Im folgenden Jahr starb Georg von Stubenberg. Seine Frau hatte ihn nicht nur in dieser tödlichen Krankheit, sondern auch, als er zuvor sieben Jahre lang von schweren Krankheiten heimgesucht worden war, aufopfernd gepflegt, wie die Leichenpredigt zu berichten weiß.

Kurz nach dem Tod ihres Mannes musste seine Witwe vermutlich wegen der in Regensburg durch den Kurfürstentag verursachten Wohnungsknappheit nach Nürnberg ziehen.[4] In der Leichenpredigt ist die Rede von Unglück und Elend, das Amalia von Stubenberg im Nürnberger Exil auszustehen hatte. Einzelheiten werden nicht genannt. Ihre Ehe war kinderlos geblieben, sodass einerseits die Sorge für minderjährige Kinder wegfiel, andererseits aber auch die Unterstützung durch erwachsene Nachkommen fehlte. Ihre materielle Situation gestattete es ihr jedoch, freigebig Almosen an Arme zu verteilen und in ihrem Testament einen Teil ihres Vermögens für arme Schüler und andere Notdürftige zu stiften. Außerdem war sie in der Lage, ihre betagte Mutter zu sich zu nehmen und 15 Jahre lang bis zu deren Tod im Jahre 1646 für sie zu sorgen. Archivalische Quellen zeigen, dass sie sich 1652 ein eigenes Haus kaufen konnte.[5] Zeitweise hatte sie sogar das Schloss Oberbürg bei Nürnberg als Pfandschaft inne. Dass sie in Nürnberg als alleinstehende Witwe in ein vor allem durch verwandtschaftliche Beziehungen geknüpftes Netzwerk adliger Glaubensflüchtlinge eingebettet war, zeigt die Beschreibung ihres letzten Krankenlagers. Eine Stiefschwester und eine weitere Adlige pflegten sie. Außerdem sorgte ein Vetter für Amalia von Stubenberg.

 

Dr. JÖRG WITZEL ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Historische Bibliothek Rudolstadt
Signatur: Fun. div. LXXVII
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Historischen Bibliothek Rudolstadt (Marburger Personalschriften-Forschungen 51), Stuttgart 2010

 

Erneut veröffentlicht in: Blätter der Gesellschaft für Buchkultur und Geschichte 16/17 (2012/2013), Rudolstadt 2014

 

Anmerkungen:

[1] Joachim Bahlcke/Rainer Bendel (Hg.), Migration und kirchliche Praxis. Das religiöse Leben frühneuzeitlicher Glaubensflüchtlinge in alltagsgeschichtlicher Perspektive (Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands 40), Köln/Weimar/Wien 2008.

[2] Werner Wilhelm Schnabel, Österreichische Exulanten in oberdeutschen Reichsstädten. Zur Migration von Führungsschichten im 17. Jahrhundert (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 101), München 1992.

[3] Vgl. auch im Folgenden ebd., S. 57-61, 475-484.

[4] Zur Beschreibung des Witwenstandes der Amalia von Stubenberg in ihrer Leichenpredigt siehe auch Britta-Juliane Kruse, Witwen. Kulturgeschichte eines Standes in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Berlin/New York 2007, S. 436.

[5] Vgl. auch im folgenden Schnabel, Exulanten (wie Anm. 2), S. 489 und 501.

 

Zitierweise: Jörg Witzel, Amalia von Stubenberg, geb. von Liechtenstein (1593-1664). Adlige Glaubensflüchtlinge aus Österreich im Nürnberger Exil, in: Leben in Leichenpredigten 07/2009, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/amalia-von-stubenberg-geb-von-liechtenstein-1593-1664.html>

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